Kurz vor Ostern, dem Fest der Erlösung, ist Matthias Platzek aus gesundheitlichen Gründen als SPD-Chef zurückgetreten. Angeblich schwamm eine Träne in seinem Auge, und allen war klar, freiwillig macht er das nicht. Die Ärzte, hiess es, haben ihm dazu geraten.
Bedauerlich.
Nicht, dass mir der SPD-Vorsitz mit Platzeck so am Herzen läge, nein: Bedauerlich, dass Platzeck nicht selbst drauf gekommen ist, dass er die Signale seines Körpers nicht verstanden hat, dass er erst antrat, um kurz darauf auf Weisung anderer wieder abtreten zu müssen.
Zweifelsohne war auch das Antreten nicht so ganz selbstbestimmt. Erinnern Sie sich, liebe Leser, noch an die Anekdote, die Platzeck bei der Amtsübernahme medial streute? Sein Vater habe ihm schon mit auf den Weg gegeben, er solle Parteivorsitzender werden. Stolz lächelnd fügte er hinzu, der Vater habe wohl den Ortsvorsitz gemeint. Der Mann hatte also einen Auftrag - mal abgesehen von den 98 Prozent seiner Parteigenossen war es der Auftrag seines Vaters, den Platzeck (über-) erfüllte.
Jetzt fragen Sie sich, warum erzählt die das, und Sie ahnen: Im Coaching geht es um das, was uns zum Handeln motiviert, um das, was uns antreibt. Oft sind das "Aufträge", die andere uns gegeben haben. Im Fall Platzeck waren das sicherlich etliche Aufträge, die in Stress umgeschlagen sind. Der Fall Platzeck muss nicht heissen, dass solche Aufträge notwendigerweise scheitern, sondern nur, dass es gut ist, wenn man sie kennt.
Viele Menschen sind von Stress betroffen. Dieser Rücktritt könnte Signalcharakter für alle Platzecks in deutschen Unternehmen haben, denn er zeigte eine Möglichkeit, auf Stress zu antworten, nein zu sagen.
Leider hat der SPD-Mann uns auch vorgeführt, dass scheinbar nur Krankheit eine allgemein akzeptierte Entschuldigung dafür ist, "nein" zu sagen zu Aufträgen, die einen überfordern. Wozu das führen kann, wissen wir aus Japan: Im Fach der konsequenten Selbst-Ignoranz scheinen die Japaner Weltmeister zu sein, denn sie haben schon seit den 70-er Jahren ein Wort für den stressbedingten Tod, Karoshi.
Lesson learnt? Wäre es nicht erfreulich, wenn in Deutschland keine krankheitsbedingten Abschieds-Rituale gefeiert werden müssten, vor denen alle in Ehrfurcht erstarren. Man sollte doch meinen, die Zeit der Opfer-Kulte ist vorbei...
Stressfreie Osterfeiertage wünscht Ihnen
Wiebke Sponagel
Labels: Stress, Werte, Zeitmanagement