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27.4.06

Karriere: Arbeitszeit im Wandel: Binge-Working

Was haben wir nicht alles der anglo-amerikanischen Fähigkeit zu verdanken, vielversprechende Managementkonzepte zu ersinnen und zu verkaufen:

Die System-Gastronomie, damit wir systematischer essen, work-life-balance, weil Ausgeglichenheit uncool klingt, JIT, damit mehr Laster unseren Strassenverkehr und Toll Collect bereichern.

Seit geraumer Zeit gibt es nun wieder einen schönen Begriff für unser Management-Vokabular, binge-working. Hoppla, sagen die Anglophilen unter Ihnen, das kannte ich doch bisher nur als binge-drinking, zu deutsch Koma-Saufen! Richtig assoziiert, aber hier geht es um Arbeit bis zum Umfallen, um maximalen Arbeitsaufwand mit - später! - maximalem Freizeitausgleich.

Zum Beispiel, manche von Ihnen kennen das aus der Projektarbeit, man arbeitet ein halbes Jahr dauernd, 12-14 Std. täglich, auch an Samstagen, und hat dann ein halbes Jahr frei. Oder, man arbeitet nur an drei Tagen die Woche 12 Std. und hat dafür ein verlängertes Wochenende, oder, oder, oder.

Offensichtlich gibt es quer durch unterschiedliche Altersgruppen eine Nachfrage nach solchen "flexiblen" Arbeitskonzepten, die periodisch extremen Arbeitseinsatz fordern. Firmen, heisst es, "kommen dem entgegen" und schaffen diese Arbeitsmodelle. Oder war es umgekehrt?

Flexibel sein ist eine Forderung unserer Zeit. Sie hat durchaus gute Seiten, wenn sie uns befähigt, aktiv am Wandel teilzunehmen.

Aber beim binge-working muss ich mein Coach-Haupt schütteln - das ist bedingungslose, temporäre Selbstaufgabe. Der Rhytmus arbeiten-schlafen-arbeiten bringt nur eins, er züchtet Maschinenmenschen ohne Sozialkontakte und ohne Bezug zu den eigenen Bedürfnissen.

Und was macht man, wenn die ganze work-life-balance eh beim Teufel ist? Binge-drinking. Vielleicht finden sich ein paar andere anonyme workaholics dafür....

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20.4.06

Karriereentscheidung Gehalt: Frauen sicherheitsbewusster

John Grays unterhaltsame und oft zitierte Feststellung, dass Frauen und Männer von unterschiedlichen Planeten kommen, scheint sich wieder mal zu bestätigen:

In einem Laborversuch mit 240 Probanden hat das Institut zur Zukunft der Arbeit der Uni Bonn jetzt herausgefunden, dass Frauen lieber ein Fixgehalt bekommen als leistungsabhängige Bezahlung, auch wenn sie damit mehr verdienen könnten. Männer dagegen sind risikobereiter und ziehen die leistungsabhängige Honorierung vor. Aber Geld soll ja nicht alles sein, auf unserem Planeten ...

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13.4.06

Coaching-Thema Stress: Wir sind Platzeck. Moderne Opfer-Kulte.

Kurz vor Ostern, dem Fest der Erlösung, ist Matthias Platzek aus gesundheitlichen Gründen als SPD-Chef zurückgetreten. Angeblich schwamm eine Träne in seinem Auge, und allen war klar, freiwillig macht er das nicht. Die Ärzte, hiess es, haben ihm dazu geraten.

Bedauerlich.
Nicht, dass mir der SPD-Vorsitz mit Platzeck so am Herzen läge, nein: Bedauerlich, dass Platzeck nicht selbst drauf gekommen ist, dass er die Signale seines Körpers nicht verstanden hat, dass er erst antrat, um kurz darauf auf Weisung anderer wieder abtreten zu müssen.

Zweifelsohne war auch das Antreten nicht so ganz selbstbestimmt. Erinnern Sie sich, liebe Leser, noch an die Anekdote, die Platzeck bei der Amtsübernahme medial streute? Sein Vater habe ihm schon mit auf den Weg gegeben, er solle Parteivorsitzender werden. Stolz lächelnd fügte er hinzu, der Vater habe wohl den Ortsvorsitz gemeint. Der Mann hatte also einen Auftrag - mal abgesehen von den 98 Prozent seiner Parteigenossen war es der Auftrag seines Vaters, den Platzeck (über-) erfüllte.

Jetzt fragen Sie sich, warum erzählt die das, und Sie ahnen: Im Coaching geht es um das, was uns zum Handeln motiviert, um das, was uns antreibt. Oft sind das "Aufträge", die andere uns gegeben haben. Im Fall Platzeck waren das sicherlich etliche Aufträge, die in Stress umgeschlagen sind. Der Fall Platzeck muss nicht heissen, dass solche Aufträge notwendigerweise scheitern, sondern nur, dass es gut ist, wenn man sie kennt.

Viele Menschen sind von Stress betroffen. Dieser Rücktritt könnte Signalcharakter für alle Platzecks in deutschen Unternehmen haben, denn er zeigte eine Möglichkeit, auf Stress zu antworten, nein zu sagen.

Leider hat der SPD-Mann uns auch vorgeführt, dass scheinbar nur Krankheit eine allgemein akzeptierte Entschuldigung dafür ist, "nein" zu sagen zu Aufträgen, die einen überfordern. Wozu das führen kann, wissen wir aus Japan: Im Fach der konsequenten Selbst-Ignoranz scheinen die Japaner Weltmeister zu sein, denn sie haben schon seit den 70-er Jahren ein Wort für den stressbedingten Tod, Karoshi.

Lesson learnt? Wäre es nicht erfreulich, wenn in Deutschland keine krankheitsbedingten Abschieds-Rituale gefeiert werden müssten, vor denen alle in Ehrfurcht erstarren. Man sollte doch meinen, die Zeit der Opfer-Kulte ist vorbei...

Stressfreie Osterfeiertage wünscht Ihnen
Wiebke Sponagel

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4.4.06

Karriere: Schriftliche Bewerbung, eindeutig mehrdeutig.

Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist so alt wie die Menschheit. Wieviele Auseinandersetzungen entzünden sich täglich an dem, was "gemeint" ist, egal ob das politische, religiöse oder alltagsweltliche Inhalte sind.

Und nachdem sogenannte Kommunikationsratgeber uns weismachen, es gebe ein Gleichung, die da lautet "ein Satz = eine Bedeutung", überrascht es nicht, dass Klienten in der Karriereberatung den Wunsch äussern, am Ende des Beratungsprozesses z.B. einen "eindeutigen Lebenslauf" zu haben.

Was meinen Sie, liebe Leser, lässt sich das machen?

Ich glaube kaum, denn so ein Lebenslauf ist ist ein persönlicher Entscheidungsweg und jede Entscheidung für etwas ist auch eine gegen etwas, mindestens.

Jemand macht eine Bankausbildung, obwohl er vom Abschluss her auch Jura, Pharmakologie oder sonst etwas hätte studieren können. Seine Wahl mag unterschiedliche Gründe haben, die sich nicht unbedingt aus dem CV erschliessen. Vielleicht hat ein Schulfreund dasselbe gemacht, vielleicht hat ein Bekannter den Ausbildungsplatz vermittelt, vielleicht lockte die Aussicht auf "eigenes Geld", vielleicht hatte der Kandidat ein echtes Interesse am Banking. Oft wird die "Motivation", einen bestimmten Beruf zu ergreifen, im Bewerbungsgespräch thematisiert, und natürlich erwartet der potentielle Arbeitgeber hier was? - Eine eindeutige Entscheidung für den eingeschlagenen Weg. Vagheit oder gar Zufälligkeit passen nicht ins Bild eines "gradlinigen, zielstrebigen Bewerbers".

Meiner Erfahrung nach ist diese Gradlinigkeit beim Lebensentwurf ein Mythos aus der Managementliteratur. Menschen, die ihm nacheifern, fallen in ein tiefes Loch, wenn sie mal konfrontiert werden mit jenen Lebenskrisen, die sie nicht "einplanen" konnten. Ausserdem schneiden sie sich jede Menge Lebensfreude ab, die jeder kennt, der schon mal zufällig auf etwas "Unerwartetes" gestossen ist. Verspätete Züge sollen bei Wartenden ja schon manche Freund-, oder Partnerschaft "gestiftet" haben.

Aber zurück zu dem Wunsch nach einem eindeutigen Lebenslauf. Vor mir lag neulich ein wunderbar gradliniger Lebenslauf, der über zwei Jahrzehnte direkt in die Führungsetage eines Unternehmens mündete. Um diese Gradlinigkeit darzustellen, eignete sich ein chronologischer CV hervorragend. Nun sollte man meinen, die Botschaft eines solchen CVs sei klar: Da hat jemand zielstrebig die Karriereleiter erklommen. Aber halt, auch hier gibt es wieder eine Auslegungsvariante: Dieser jemand habe sich immer wieder "befördern" lassen, sei immer seiner Firma zu "treu" geblieben, ohne mal die Initiative zu ergreifen und sich auf dem Markt nach anderen Optionen und Herausforderungen umzuschauen. Fazit: Eindeutigkeit gibt's keine - am besten, Sie sind darauf vorbereitet.

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