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27.9.08

Gehalt als Schmerzensgeld? Fehlende berufliche Anerkennung

Mein Gegenüber ist Mitte vierzig, schlank, asketisch, selbstreflektiert. Er habe die Firma in fast 20 Jahren von einer Klitsche zu einem mittelständischen Unternehmen aufbauen helfen. Eine Menge Herzblut sei da drin, sein Herzblut. Seit es aber in der Unternehmensführung einen neuen Kopf gebe, sei das alles wertlos geworden. Seine Leistung werde nicht mehr anerkannt, im Gegenteil, man zeige ihm deutlich, dass er der neuen Politik eigentlich im Wege stehe. Das einzig Gute sei noch sein Gehalt - er nannte es mittlerweile sein Schmerzensgeld.

Die Erkenntnis, dass Leistung Anerkennung braucht, ist mittlerweile fast ein Jahrhundert alt.
Sie kommt aus dem Land, das die Welt mit Managementkonzepten überschwemmt und mit fatalem Mis-Management die globalen Finanzmärkte erschüttert, den USA. Dort hatte man den Taylorismus erfunden, um die Produktivität zu steigern. Im Zuge dieses Ansatzes wurde der Mensch zur Maschine und Emotionalität zum Störfaktor. Eher zufällig entdeckte man 1927 bei den sogenannten "Hawthorne-Experimenten", dass nicht Verbesserungen der Arbeits-, und Lohnbedingungen, sondern solche im sozio-emotionalen Bereich zu "unerklärlichen" Produktivitätssteigerungen führten. Man konnte die Arbeiter fast im Dunkeln werkeln lassen; die Tatsache, dass sie zu einer "Beobachtungs-Gruppe" für eine Harvard-Studie gehörten, genügte, um ihren Output zu erhöhen. Seither gibt es den Begriff HR, Human Relations, immer im Dienste der Effizienz, versteht sich.

Und noch eine Erkenntnis ist inzwischen Allgemeingut: Fehlende Anerkennung macht krank. Unzählige Studien zeigen, dass Männer und Frauen, die von "beruflichen Gratifikationskrisen betroffen" sind, ein signifikant höheres Risiko haben, Herz-Kreislauferkrankungen, Depressionen, Diabetes, Alkoholabhängigkeit oder Angststörungen zu bekommen.

Aber zurück zu meinem Klienten. Er hat die Möglichkeit, auf eine miese Leistungs-Anerkennungs-Bilanz mit Krankheit zu reagieren, rechtzeitig erkannt. Gesünder ist die Kündigung, findet er. Er ist stolz auf seine Leistungen und sein nächstes Gehalt wird kein Schmerzensgeld mehr sein.

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