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4.4.06

Karriere: Schriftliche Bewerbung, eindeutig mehrdeutig.

Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist so alt wie die Menschheit. Wieviele Auseinandersetzungen entzünden sich täglich an dem, was "gemeint" ist, egal ob das politische, religiöse oder alltagsweltliche Inhalte sind.

Und nachdem sogenannte Kommunikationsratgeber uns weismachen, es gebe ein Gleichung, die da lautet "ein Satz = eine Bedeutung", überrascht es nicht, dass Klienten in der Karriereberatung den Wunsch äussern, am Ende des Beratungsprozesses z.B. einen "eindeutigen Lebenslauf" zu haben.

Was meinen Sie, liebe Leser, lässt sich das machen?

Ich glaube kaum, denn so ein Lebenslauf ist ist ein persönlicher Entscheidungsweg und jede Entscheidung für etwas ist auch eine gegen etwas, mindestens.

Jemand macht eine Bankausbildung, obwohl er vom Abschluss her auch Jura, Pharmakologie oder sonst etwas hätte studieren können. Seine Wahl mag unterschiedliche Gründe haben, die sich nicht unbedingt aus dem CV erschliessen. Vielleicht hat ein Schulfreund dasselbe gemacht, vielleicht hat ein Bekannter den Ausbildungsplatz vermittelt, vielleicht lockte die Aussicht auf "eigenes Geld", vielleicht hatte der Kandidat ein echtes Interesse am Banking. Oft wird die "Motivation", einen bestimmten Beruf zu ergreifen, im Bewerbungsgespräch thematisiert, und natürlich erwartet der potentielle Arbeitgeber hier was? - Eine eindeutige Entscheidung für den eingeschlagenen Weg. Vagheit oder gar Zufälligkeit passen nicht ins Bild eines "gradlinigen, zielstrebigen Bewerbers".

Meiner Erfahrung nach ist diese Gradlinigkeit beim Lebensentwurf ein Mythos aus der Managementliteratur. Menschen, die ihm nacheifern, fallen in ein tiefes Loch, wenn sie mal konfrontiert werden mit jenen Lebenskrisen, die sie nicht "einplanen" konnten. Ausserdem schneiden sie sich jede Menge Lebensfreude ab, die jeder kennt, der schon mal zufällig auf etwas "Unerwartetes" gestossen ist. Verspätete Züge sollen bei Wartenden ja schon manche Freund-, oder Partnerschaft "gestiftet" haben.

Aber zurück zu dem Wunsch nach einem eindeutigen Lebenslauf. Vor mir lag neulich ein wunderbar gradliniger Lebenslauf, der über zwei Jahrzehnte direkt in die Führungsetage eines Unternehmens mündete. Um diese Gradlinigkeit darzustellen, eignete sich ein chronologischer CV hervorragend. Nun sollte man meinen, die Botschaft eines solchen CVs sei klar: Da hat jemand zielstrebig die Karriereleiter erklommen. Aber halt, auch hier gibt es wieder eine Auslegungsvariante: Dieser jemand habe sich immer wieder "befördern" lassen, sei immer seiner Firma zu "treu" geblieben, ohne mal die Initiative zu ergreifen und sich auf dem Markt nach anderen Optionen und Herausforderungen umzuschauen. Fazit: Eindeutigkeit gibt's keine - am besten, Sie sind darauf vorbereitet.

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